Niki de Saint Phalle - Mythen · Märchen · Träume
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Beschreibung
Guido Magnaguagno
Niki de Saint Phalle
Mythen · Märchen · Träume
Für eine grosse, neue, von Mario Botta gebaute „Arche Noah“ inmitten des Kriegsgebiets von Jerusalem, entwarf Niki eine ganze Reihe von überlebensgrossen Tierskulpturen. Darunter befindet sich in einer zweiten Version jene mit Mosaiksteinen geschmückte „Bär“, der sich heute in der Sammlung Würth befindet und neben dem Würth-Zentrum in Chur thront. In seinem Innern können sich kleine und grosse Kinder vergnügen, sein liebenswürdiges Aussehen zieht die Besucher wie unter einen Schutzmantel.
Zur Ausstellung
Die gleichnamige Ausstellung fand vom 27. Juni bis zum 01. November 2009 im Kulturforum Würth, Chur, Schweiz statt.
Die Ausstellung im Kulturforum Würth Chur konzentriert sich auf einen Themenbereich, der in einer konzentrierten Form erlaubt, doch alle wesentlichen Werkphasen zu integrieren. Der Themenkomplex „Mythen – Märchen – Träume” trifft einen innersten Kern von Nikis Wesen, der von ihren frühen Ölbildern ausgehend bis zu den späten, indianischen Totems reicht.
Wichtige Jahre ihrer Kindheit verlebte sie in einem Schloss ihrer alten aristokratischen Familie. Dieses taucht oft in ihren riesenhaft grossen Ölbildern auf, die sie zwischen 1955 und 1960 malte. Unter Anleitung von Hughes Weiss in Paris und während ihrer ersten Ehe mit dem amerikanischen Schriftsteller Harry Matthews auf Mallorca, vor allem aber während Klinikaufenthalten entstanden diese Werke, welche der „art brut” zuzurechnen sind und auf denen bereits das gesamte „Personal” ihrer Bildwelt erscheint: Fabeltiere, Paradiesgärten, Urmütter, Blumenmädchen, Traumschiffe, Geister, Drachen und Schmetterlinge, Sonnen und Monde. Eine Welt im Zustand der Schöpfung, unschuldig, naiv, vom Bösen weitgehend verschont. In einer Zeit, als sie bereits unter der Überpräsenz ihres Vaters und ihres Ehemanns litt, flüchtete sie sich in die Mythen- und Traumwelt ihrer Kindheit, die in den buntfarbigen, kindlichen Bildern ihren unmittelbaren Ausdruck fanden.
Auch in der intensiven Liebes- und Lebensbeziehung mit dem ganz anders gearteten, aus einer Schweizer Arbeiterfamilie stammenden Jean Tinguely ging dieser Urgrund ihrer Existenz und Kunst nie verloren. Wiewohl sie um 1960 im gemeinsamen Pariser Atelier und unter dem Einfluss des Programms des „Nouveau Réalisme” ebenfalls zu gefundenen Gegenständen greift und diese zu Collagen verarbeitete, blieb ihnen ein poetischer, feingesponnener, sensibler Charakter eigen. Die Horde junger Männer, neben Jean dessen Freunde Daniel Spoerri, Robert Rauschenberg oder Pontus Hultén, spielten Geburtshelfer bei ihrer eigentlichen künstlerischen und biografischen Emanzipation: den berühmten Schiessbildern. In diesen 1961/62 entstandenen Werken zielte sie als schiessende Amazone auf ihren Vater, ihre Liebhaber wie die Männerwelt und -Gesellschaft insgesamt. Diese persönliche Befreiung kreierte ihren Mythos als Galionsfigur der Frauen-Emanzipation und legte damit auch die Bildthemen der Zukunft frei.
Aber ab jetzt waren sie maternell, das Matriarchat lockte. In überschwänglichen Hochzeiten, Brautfeiern und Geburtsorgien zeugte sie jene „Nanas” als Inkarnationen der Urfrau (wie die „Venus von Wilmersdorf ”), welche das Markenzeichen ihres Schaffens ausmachen. Und als sie zudem 1966 im Stockholmer Moderna Museet mit Tinguely die begehbare, riesenhafte „Hon” (= sie, die Frau) erfand, war der Mythos der beispielhaften Frauenkünstlerin, der Künstler-Frau, durch einen Welterfolg etabliert.
Was damals als Schock, als Ungeheuerlichkeit, das Publikum zugleich erschreckte und vergnügte, hat durch die kulturelle Revolution der 1960er-Jahre, von den Beatles bis zur Revolte der 68er, als Fanal der sexuellen Befreiung gewirkt, der Gleichberechtigung der Geschlechter und des Triumphs des Weiblichen.
In den späten Schaffensjahren war es ihr vergönnt, in der Toskana mit dem „Tarot-Garten” ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Wie in ihrer Kindheit und ihrer frühen Malerei durchlebt sie die Welt nochmals als magischen Paradiesgarten und gestaltet mit Tinguelys Hilfe einen einmaligen, unvergesslichen Ort, der in der Ausstellung durch Peter Schamonis Film kongenial vertreten ist. Wie in ihren letzten Lebensjahren, die sie im kalifornischen San Diego verbrachte (wo sie 2002 starb, sich mit der Kultur der Indianer beschäftigte und unter anderem eine Reihe prächtiger Totems schuf), glaubte sie an die schöpferischen, positiven Kräfte in den Menschen. Die ehemalige Traumfrau, welche als Model für „Life” posierte, hatte sich zur Protagonistin eines Menschheitstraums gewandelt: einer lebensfreundlichen, friedlichen Welt.
Über Niki de Saint Phalle
Niki de Saint Phalle (* 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine (Vorort von Paris); † 21. Mai 2002 in San Diego; eigentlich Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle) war Malerin und Bildhauerin. In Deutschland wurde sie als Künstlerin vor allem durch ihre 1974 in Hannover am Leibnizufer, der heutigen Skulpturenmeile, aufgestellten „Nana“-Figuren bekannt.
Niki de Saint Phalle wurde in Frankreich geboren, wuchs aber hauptsächlich in den USA auf und wurde infolge ihrer Heirat mit Jean Tinguely im Jahr 1971 in der Schweiz eingebürgert. Sie war ebenso wie Tinguely eng mit der Familie des ebenfalls in der Schweiz lebenden Kunstmäzens und Sammlers Theodor Ahrenberg befreundet.
1953 entstanden ihre ersten Gemälde. Zunächst arbeitete sie als Aktionskünstlerin und machte mit ihren Schießbildern auf sich aufmerksam (Gipsreliefs mit eingearbeiteten Farbbeuteln, auf die sie während der Vernissage schoss).
Ab 1964 entstanden die großen „Nanas“ − Frauenfiguren mit betont weiblichen Formen. 1966 installierte sie auf Veranlassung des Direktors Pontus Hulten (unter Mitarbeit ihres zweiten Ehemanns Jean Tinguely und des Schwedens Per Olof Ultvedt) im Stockholmer Moderna Museet eine 29 Meter lange liegende Skulptur mit dem Namen „Hon“ (schwedisch: „sie“), die durch die Vagina betreten werden konnte und in deren Innerem sich unter anderem eine Bar und ein Kino befand. Die Nanas werden mit reinbunten Farben gemalt.
1968 nahm Niki de Saint Phalle erstmals an einer Ausstellung des Museum of Modern Art in New York teil. Weitere Ausstellungen folgten 1969 in München und in Hannover, sowie 1970 in Paris, 1971 in Amsterdam, Stockholm, Rom und New York. Im Jahre 1979 begann sie in der Toskana in Capalbio, südlich Grosseto, mit dem Bau des „Giardino dei Tarocchi“. Dieser „Garten des Tarot“ wurde 1998 für die Öffentlichkeit freigegeben. Noch bekannter ist der 1982 begonnene Bau des Strawinski-Brunnens in Paris vor dem Centre Pompidou. 1999 übernahm Niki de Saint Phalle den Auftrag zur Ausgestaltung der Grotten in den Herrenhäuser Gärten von Hannover, die seit 2003 für Besucher offen stehen.
Am 17. November 2000 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Hannover ernannt und vermachte aus diesem Anlass 300 ihrer Werke dem dortigen Sprengel-Museum.
Ihr zu Ehren wurde 2002 in Hannover die Einkaufspassage Passerelle umbenannt in Niki-de-Saint-Phalle-Promenade.
Die Sammlung Würth
Die Sammlung Würth, deren Ursprung in den 1960er-Jahren liegt, ist konzentriert auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und umfasst heute über 12.000 Werke der Malerei, Grafik und Bildhauerei. Initiiert durch Reinhold Würth, präsentiert sich die Corporate Collection seit rund 20 Jahren vorwiegend am Ort des Firmensitzes im süddeutschen Künzelsau im Museum Würth sowie in der 2001 eröffneten und nur 20 km entfernten Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall. Beide Institutionen werden durch die Adolf Würth GmbH & Co. KG getragen.
Würth-Gesellschaften in der Schweiz, Österreich, Italien, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Spanien, Belgien und den Niederlanden präsentieren in ihren Räumen regelmässig Kunstwerke der Sammlung in eigens für sie konzipierten Sonderausstellungen und machen sie somit den eigenen Mitarbeitenden sowie einem breiten Publikum zugänglich. Das Kulturforum Würth Chur wurde im Juni 2002 im Firmengebäude der Würth International eröffnet.
Details
Autor: Guido Magnaguagno
Verlag: Swiridoff, Künzelsau
Auflage: Erstauflage
Jahr: 26.06.2009
Seitenanzahl: 88 Seiten
Buchart: Broschur mit Fadenheftung
Abbildungen: 59 farbige Abbildungen
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3-89929-162-X
ISBN 13: 978-3-89929-162-9
Größe: ca. 278 x 222 x 8 mm
Gewicht: ca. 600 Gramm
Zustand: neu, ungelesen







