Designer im Dritten Reich

 

45,00 EUR

ISBN: 9783981232615  

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Beschreibung

Sabine Zentek
Designer im Dritten Reich
Gute Formen sind eine Frage der Haltung

Aus der Zeit des Nationalsozialismus sind zahlreiche modern anmutende Gebrauchsgegenstände bekannt, wie Geschirr von Hermann Gretsch, Keramiken von Otto Lindig oder Gläser von Wilhelm Wagenfeld. Schlichtweg ein Missverständnis ist jedoch die Folgerung, die Nazis hätten zumindest in der Produktgestaltung Sympathien für die Moderne gehabt. Die Schlichtheit der Gestaltung war Bestandteil der Nazi-Propaganda, die Machthaber strebten »ewige«, »überzeitliche« Formen an, mit denen individuelle oder gar »entartete« Strömungen dauerhaft verhindert werden sollten. Möbel von nicht genehmen Urhebern wie Le Corbusier oder Mies van der Rohe wurden auch noch nach der Machtergreifung der Nazis verkauft, nun aber ohne Namensnennung. Eine entscheidende Rolle bei der kulturellen »Säuberung« spielte die SS mit ihren Wirtschaftbetrieben, die Produktionsstätten von Porzellan, Keramiken und Möbeln in den Konzentrationslagern unterhielt. Nicht wenige ehemalige Werkbund- oder Bauhausmitglieder ließen sich auf Allianzen mit NS-Behörden wie »Schönheit der Arbeit« ein und förderten so den »einzig guten« Geschmack, ab 1943 »Friedensmuster« genannt. Parallel dazu bereitete die damalige »Elite« der Juristen die Umwälzung des Urheberrechts nach rein ideologischen Grundsätzen vor. Nicht unerwähnt lässt die Publikation, dass viele der Gestalter, so auch Gretsch, Lindig und Wagenfeld, mit Erfolg auch die neue Demokratie nach 1945 zum Fokus ihrer beruflichen Existenz machten. Sabine Zentek, Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht, liefert mit ihrem glänzend recherchierten Buch, das alle Qualitäten eines Standardwerks besitzt, einen ebenso spannenden wie umfassenden und oft erstmaligen Einblick in hochbrisante zeitgeschichtliche Quellen.

 

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Rezensionen

Die Autorin nennt ihr Buch eine Zufallsarbeit. Denn eigentlich war die Dortmunder Fachanwätin für Urheber- und Medienrecht, Sabine Zentek, gerade dabei, eine juristische Dissertation zum urheber- und musterrechtlichen Schutz von Gebrauchsprodukten seit dem 19. Jahrhundert zu verfassen, als sie bei Archivrecherchen für eines der geplanten Kapitel bemerkte, wie wenig von der Geschichte des Designs und der Designer in der NS-Zeit bis heute aufbereitet ist. Monatelang betrieb sie Quellenstudium, unter anderem im Berliner Bundesarchiv. Tatsächlich klafft da eine Lücke. Zwar wird das Selbstverständliche langsam üblich, nämlich in historischen

Darstellungen von Firmen, Verbänden und Berufszweigen die Jahre von 1933 bis 1945 nicht zu übergehen oder zu verharmlosen. In den letzten Jahren sind viele entsprechende Darstellungen zu einzelnen Designthemen entstanden, kaum aber keine umfassende historische Untersuchung. Schon 1975 erschien in der "form" eine mehrteilige, damals kontrovers diskutierte Serie zur "Gestaltung im Dritten Reich", die Hans Scheerer verfasste, damals Maschinenbau-Diplomand der Universität Stuttgart. Sabine Weißler veröffentlichte 1990 den schmalen Sammelband "Design in Deutschland 1933-1945". Dass die Moderne nicht nur eine verfolgte Unschuld war, zeigte 1993 differenziert die Aufsatzsammlung "Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus - Zwischen Anbiederung und Verfolgung", herausgegeben von Winfried Nerdinger und dem Bauhaus-Archiv. Im Westfälischen Landesmuseum in Münster wurde 2000 die überregional beachtete Ausstellung "Die nützliche Moderne - Graphik- & Produkt- Design in Deutschland 1935-1955" gezeigt und von einem umfangreichen Katalog begleitet. Erstmals wurde hier gestalterischen Kontinuitäten nachgespürt. Und doch: Bis heute gibt es fürdas Design weder eine Dokumentensammlung wie die 1967 von Anna Teut erstellte "Architektur im Dritten Reich" noch eine umfassende, analytische Darstellung wie Werner Durths "Deutsche Architekten - Biographische Verflechtungen 1900 bis 1970" (erschienen 1986).

Schon insofern erhält ein sorgfältig dokumentierter Band über "Design und Designer im Dritten Reich" große Bedeutung. Es ist ein in vieler Hinsicht erstaunliches Buch. Erstaunlich ist sein Umfang von 400 Seiten, erstaunlich, dass sich eine Juristin so intensiv mit der Aufarbeitung von Institutionen und Biografien von Formgestaltern und - eher am Rande - Gebrauchsgrafikern befasst. "Gute Formen sind eine Frage der richtigen Haltung", lautet der Untertitel des Buches. Nachdem die Autorin zu Beginn die Gleichschaltung aller kulturellen Bereiche in Erinnerung gerufen hat, die organisatorischen Voraussetzungen (Reichskulturkammer, Reichskammer der Bildenden Künste) und die "gesetzlichen Grundlagen für Willkür", stellt sie exemplarisch Werk, Lebenslauf und Haltung des Frankfurter Architekten Ferdinand Kramer (1898-1985) dar, der 1937 aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen wurde. Kramer emigrierte mit seiner jüdischen Ehefrau in die USA. Zuvor hatte er sich 1934 nicht nur der Gleichschaltung des Deutschen Werkbundes widersetzt, sondern trat umgehend aus dem Werkbund aus, als dieser sich 1934 gleichschaltete.

Zentek gliedert den höchst komplexen Stoff in 15 Kapitel; am Rande tangiert sie dabei auch Kunst, Werbung und Architektur. Regelmäßig stellt sie den - organisatorischen Bedingungen die personelle Umsetzung gegenüber und versucht eine künstlerische Neubewertung von bekannten Gestaltern wie Wilhelm Wagenfeld,

Hermann Gretsch anhand von Originaldokumenten und Zitaten. Über die Ergebnisse sollte offen diskutiert werden. Zentek stellt die Rolle von konkurrierenden Institutionen im NS-Apparat dar, wie dem Amt Schönheit der Arbeit, das der Deutschen Arbeitsfront unterstellt war, und dem einflussreichen Kunst Dienst, der dem Propagandaministerium zugeordnet war. Sie zeigt auf, wie sich Gestalter durch Mitarbeit bei der SS-eigenen Porzellanmanufaktur Allach oder der Organisation Ahnenerbe, die zeitweise in KZ-Lagern Menschenexperimente betrieb, ideologisch und praktisch auf die NS-Diktatur einließen. Hannah Arendt charakterisierte 1964 in einem Interview die Rolle vieler Intellektueller während der NS-Zeit. Ihre Aussagen lassen sich auf das Design übertragen: "Das waren ja keine Mörder. Das waren nur Leute, die in ihre eigenen Fallen gegangen waren, das waren Leute, denen etwas eingefallen war." Und weiter: "Dass jemand sich gleichschaltete, weil er für Frau und Kind zu sorgen hatte, das hat ihm nie ein Mensch übel genommen. Das Schlimme war doch, dass die dann wirklich daran glaubten, für kurze Zeit, manche für sehr kurze Zeit. Das heißt: zu Hitler fiel ihnen etwas ein." Fehlgeleitete Kreativität: "Und zum Teil ungeheuer interessante Dinge, ganz phantastische und ungeheuer komplizierte Dinge (...). Das heißt, sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle."

So fern, schwer und unerfreulich uns sein Gegenstand auch erscheinen mag: Das Buch von Sabine Zentek ist, wie Volker Fischer im Nachwort schreibt, verdienstvoll und sollte eine breite Leserschaft finden, "zumindest in den einschlägigen Berufszweigen der Entwerfer und Designhistoriker, Designtheoretiker sowie der Produktmanager und Marketingstrategen in vielerlei Unternehmen".

[Thomas Edelmann
Designreport, 4/10]

Industriedesign konnte sich im "Dritten Reich" weitgehend unbehelligt von Staat und Partei entwickeln. Führende Gestalter wie Hermann Gretsch, Heinrich Löffelhardt, Otto Lindig oder Wilhelm Wagenfeld arbeiteten weiterhin an der "guten Form"; an der klaren, sachlichen, scnörkellosen Linie in der Produktgestaltung von Tapete bis zum Tafelgeschirr, von der Leuchte bis zum Möbelstück - denn dies war mit dem Zielen des NS-Regimes durchaus kongruent. Daraus jedoch die Folgerung zu ziehen, dass das Regime zumindest in der Produktgestaltung Sympathie für die Moderne gehabt hätte, wäre falsch. Trotzdem waren mehrere ehemalige Bauhaus- und Werkbundmitglieder in NS-Organisationen wie "Schönheit der Arbeit" eingebunden und arbeiteten mit an der Entwicklung einer volkstümlichen Geschmackskultur der Schlichtheit, deren Erzeugnisse ab 1943 dann "Friedensmuster" genannt wurden und alle Bereiche des täglichen Lebens umfassten.

Interessant ist die Arbeit des offiziösen "Kunst-Dienstes", der selbst das "bescheidendste Gebrauchsgerät" in den Zusammenhang eines umfassenden Kulturbegriffs stellte. Neben bekannten Gestaltern wie Gretsch und Wagenfeld, deren Arbeit die Kontinuität zu den 20er Jahren herstellte, gehörten diesen Organisationen auch die Kunsthandwerkerin Alen Müller-Hellwig, der Handwerker Hugo Kükelhaus, der Gebrauchsgrafiker Alfred Mahlau und der Gartengestalter Hermann Mattern an. Vieles, das von ihnen um 1940 entworfen und in Serie produziert wurde, entwickelte sich nach 1945 zu prägenden Geschmacksmustern der westdeutschen Alltagskultur.

Die Autorin ist Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht. Mit ihrer faktenreichen Untersuchung wirft sie einen frischen Blick mit neuen Fragestellungen auf das Design und die Gestalter von Industrieprodukten im "Dritten Reich".

[Ulrich Höhns
Bauwelt 23/2010]

Details

Autorin: Sabine Zentek
Verlag: Lelesken Verlag, Dortmund
Erscheinungsdatum: 2009
Auflage: Erstauflage
Jahr: 2009
Seitenanzahl: 428 Seiten
Abbildungen: 378 teils farbigen Abbildungen
Buchart: Broschur
Sprache: Deutsch
ISBN 10: 3-9812326-1-5
ISBN 13: 978-3-9812326-1-5
Größe: ca. 218 x 198 x 32 mm
Gewicht: ca. 1.200 Gramm
Zustand: neu, ungelesen