Berliner Eisen Die Königliche Eisengießerei Berlin

 

29,50 EUR

ISBN: 9783865250391  

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Beschreibung

Charlotte Schreiter und Albrecht Pyritz (Hrsg.)
Berliner Eisen
Die Königliche Eisengießerei Berlin. Zur Geschichte eines preußischen Unternehmens

Objekte aus Eisenguss zählen zu den herausragenden Produkten des Kunsthandwerks im 19. Jahrhundert. Die Erzeugnisse der im Jahre 1804 gegründeten »Königlichen Eisengießerei Berlin« sind dabei als »Fer de Berlin« weltweit bekannt geworden. Eisen als Kunstmaterial ist für die Zeit um 1800 ebenso neu wie charakteristisch, gedanklich ist es mit den Erzeugnissen der Berliner Gießerei aufs Engste verknüpft. Den Motor für die Verbreitung in Preußen bildete – insbesondere im Kontext der »Befreiungskriege« – seine Bedeutung als »vaterländisches« Material. Diese Mode ebbte gegen Mitte des Jahrhunderts ebenso schnell, wie sie gekommen war, wieder ab. 1874 wurde die königliche Gießerei endgültig geschlossen. Der vorliegende Tagungsband vereint Beiträge zur künstlerischen und kunsthandwerklichen Produktion und hebt die Einbindung des Berliner Unternehmens in eine breitere Entwicklung hervor. Dabei werden Aspekte der Materialbedeutung sowie der historischen, technischen und politischen Entstehungsbedingungen thematisiert.

 

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Vorwort

Kaum eine Gattung des Kunstgewerbes lebt so stark durch die Bewertung ihres Materials wie der Berliner Eisenkunstguß des frühen 19. Jahrhunderts, der weit über die Grenzen Preußens hinaus als ›Fer de Berlin‹ oder ›Berlin Iron‹ bekannt und geschätzt war. Es ist unübersehbar und allgemein akzeptiert, daß die Etablierung der Kunstwerke aus den preußischen Gießereien wegen ihres Materials – Eisen – in bestimmter Weise als ›vaterländisch‹ konnotiert ist. Bis heute stehen für die Einordnung der Materialgruppe des Eisens synonym die Eigenschaften schlicht, unprätentiös und patriotisch. Diesen Aspekten wird durch den Forschungszweig der Materialikonologie Rechnung getragen.

Bereits in der Entstehungszeit der preußischen Eisengießereien wurde diese Einschätzung von Zeitgenossen empfunden. Es ist bekannt, daß im Zeitalter der Napoleonischen Kriege Friedrich Wilhelm III. das Eisen wegen seiner Bescheidenheit, der Schlichtheit und der gern betonten Kargheit protegierte. Und es war gerade die Epoche um den Ersten Weltkrieg, die eine Wiederaufnahme der Diskussion um das rechte, ›preußische‹ Material erlebte, als der preußische Staat mit dem Aufruf »Gold zur Wehr – Eisen zur Ehr« sein Volk erneut Kriegsanleihe zeichnen und schließlich die nun wieder benötigten Kriegerdenkmäler und Grabverzierungen in Eisen ausführen ließ. Vielleicht noch mehr als die Ursprungszeit schrieb diese Epoche das ›preußische‹ des Eisens fest.

Die Bewertung des Berliner Eisens des 19. Jahrhunderts spiegelt immer auch die Bedürfnisse und Interpretationsleitlinien der nachfolgenden Generationen wider. Entsprechend unterschiedlich lesen sich diese Bewertungen zu verschiedenen Zeiten. So schreibt Hermann Schmitz in der ersten monografischen Betrachtung zum Berliner Eisenkunstguß 1917:

Die Zeit war wie von selbst auf das Eisen hingeleitet worden, das eine neue Epoche heraufzuführen im Begriff war. […] Der erwachende Sinn für die klare Form unter Verzicht auf Farbigkeit förderte die Aufnahme des Eisens in die Plastik. Der neugestärkte Preußengeist findet hier seinen beredtesten Ausdruck. Die schlichte Porträtdarstellung, die die beste Seite des Berliner Klassizismus ist und die besonders in der Gestaltung der militärischen Persönlichkeit einen bestimmten Charakter ausgebildet hat, wird auch auf Eisen übertragen.

Spätere Bewertungen schwanken stark zwischen der reinen künstlerischen Analyse und der Bedeutung des Materials. Abgesehen von den tendenziell martialischen Äußerungen des frühen 20. Jahrhunderts, bleibt doch offensichtlich, wie schwierig es ist, die Begriffe ›Preußen‹ und ›Eisen‹ voneinander zu trennen:

Jede Zeit und jede Nation bringt den Kunststil hervor, der ihrem Charakter entspricht und sich, durch innere Entwicklung und äußeres Geschehen bedingt, als notwendig ergibt. Zugleich sucht sie diesem Stil durch die ihm angemessenen Ausdrucksformen das einmalige Gepräge zu geben. […] Dies gilt auch für den sich seit dem 18. Jahrhundert in Preußen entwickelnden Eisenkunstguß, in welchem dieser sparsame und nüchterne Staat in einer künstlerischen Ausdrucksform eine wesentliche Aussage über sich selbst gemacht hat.

Auch eine durch materialikonologische Fragen ergänzte Analyse operiert mit dieser Dualität:

Die Jahre der französischen Expansion unter Napoleon wurden in Preußen als ›eiserne Zeit‹ empfunden. […] Das Eisen wurde dem Gold gegenübergestellt und zur Metapher für die Befreiung vom napoleonischen Joch und die nationale Erneuerung.

Die Untersuchung des Berliner Eisens bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen der fraglos hohen technischen Kunstfertigkeit der Güsse – die den internationalen Ruhm des Eisens begründet – und der Interpretation des Materials als vaterländisch und patriotisch.

Mit der wiederbelebten Erforschung des Eisengusses in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, die eine Fülle einschlägiger Publikationen hervorgebracht hat, galten die Betrachtungen zum Thema als weitgehend abgeschlossen – schienen doch die weitaus meisten Belege für die Tätigkeit der Berliner Gießerei vorgelegt, das Produktspektrum, so wie es sich in den Sammlungen der Museen und anderen Institutionen vertreten fand, mustergültig aufgearbeitet.

Die zeitgeschichtlichen Ereignisse der politischen Wende und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten beförderten das Interesse an der gemeinsamen Geschichte. So griff die Stiftung Stadtmuseum Berlin mit ihrer umfassenden Sammlung des Berliner Eisenkunstgusses anläßlich des 200. Gründungsjubiläums der Königlichen Eisengießerei Berlin 2004 dieses Thema erneut auf, um es in einer breit angelegten Ausstellung im Märkischen Museum zu präsentieren. Deutlicher als zuvor ging es hierbei um eine kulturhistorische Einbindung dieses Kapitels der Berliner Geschichte, die sowohl der
Formbildung im Kunstgewerbe als auch den industriellen und produktionstechnischen Bedingtheiten Rechnung tragen konnte.

Schon im frühen Planungsstadium dieser Ausstellung entstand die Idee eines begleitenden Kolloquiums, das vom 4. bis 6. Februar 2005 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet wurde. Dem thematischen Ansatz folgend, galt es neben der Wertschätzung für die Erzeugnisse der Berliner Eisengießerei über die rein materiale und materielle Bedeutungserschließung hinaus das Phänomen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und den Status seiner Einmaligkeit in den historischen, technischen und politischen Entstehungsbedingungen zu relativieren.

Vermittelt die reichhaltige und einschlägige Forschungsliteratur zu diesem Thema den Eindruck, daß das Berliner Eisen sozusagen in einer Art Geniestreich erfunden und in Preußen zu seiner Blüte geführt worden sei, ging es den Veranstaltern der Tagung darum, eine größere inhaltliche wie räumliche Einbindung zu erzielen und hierbei die Forschung der letzten Jahre zu vorausgehenden, parallelen und daraus folgenden Entwicklungen einzuarbeiten. Aus dieser Prädisposition ergab sich die Struktur der Tagung und damit auch des hier vorgelegten Tagungsbandes. Als Ausgangspunkt diente die Ausstellung im Märkischen Museum, über die Elisabeth Bartel als verantwortliche Kuratorin in ihrem Eingangsbeitrag berichtet.

Daß die Berliner Gießerei als letzte der großen preußischen Gießereien gegründet wurde, um die Produktion kriegswichtiger Güter im unmittelbaren Umfeld der Hauptstadt Preußens – vor dem Oranienburger Tor – zu ermöglichen, ist lange bekannt. Zahlreiche grafische Abbildungen des Werkes und nicht zuletzt die Neujahrsplaketten des Betriebes belegen diese Gründung. Der Umstand, daß außer dem vorhandenen Wasser alle notwendigen Materialien zum Teil von weither herbeigeschafft werden mußten, läßt sich dabei nicht allein aus der Nähe der Hauptstadt erklären.

Es sind die Beiträge von Albrecht Pyritz und Torsten Meyer, welche die Komplexität des Netzwerks aus technischen Traditionen und Innovationen in Preußen selbst, und hier besonders im unmittelbaren Berliner Umfeld beleuchten und damit die Annahme der ausschließlichen Abhängigkeit nur der großen preußischen Gießereien relativieren. Mit diesen beiden Beiträgen werden die Anfänge der Berliner Gießerei in neuem Licht gesehen; den Verbindungen in die preußischen Rheinlande und der Ablösung der Großindustrie im Ruhrgebiet widmen sich dem gegenüber die Überlegungen von Barbara Friedhofen (Sayner Hütte) und Ulrike Laufer (Haniel, Duisburg), die vor allem das komplexe Wirtschaftgefüge des weiteren 19. Jahrhunderts in den Blick nehmen.

Das Material Eisen zu betrachten, ohne explizit auf seine Konnotationen einzugehen, ist nicht möglich. Angesichts der Eingleisigkeit der Bewertung scheint es jedoch nicht nur legitim, sonder sogar unabdingbar, Aspekte einzubeziehen, die den Reflex »Eisen = schwarz = preußisch« abmildern und durch eine Analyse einzelner Auffälligkeiten ergänzen, die im Ergebnis ein bereichertes Bild ergeben. Dem eindeutigen Fehlen künstlerischer und handwerklicher Verbindungen im Bereich großformatiger Eisenplastik, wie sie bereits seit 1784 in Lauchhammer in der Niederlausitz hergestellt wurde, widmet sich der Artikel von Charlotte Schreiter. Die jahrhundertealte Konkurrenz zwischen Eisen und Bronze bricht an dieser Stelle auf, und die Ablehnung des Eisens für bestimmte künstlerische Zwecke – auch und gerade in Preußen – bietet in ihrer Negation einen aufschlußreichen Deutungsansatz. Analog dazu ist der Umstand zu bewerten, daß gerade Eisen sehr häufig farbig gefaßt, seine Materialität damit verleugnet und mit anderen Assoziationen angereichert wurde. Gilt dies von Marcus Becker illustrierte Phänomen vor allem für die Lauchhammer Eisengüsse, so legt Godehard Janzing in seiner umfassenden Analyse von Schinkels Entwurf des Eisernen Kreuzes eindrucksvoll dar, wie gerade diese anspruchsvolle Aufgabe alle späteren Bewertungen des Materials als preußisch festgeschrieben hat. Jedoch auch in einem breiteren Rahmen ist die Frage zu stellen, inwieweit Maßnahmen zur Geschmacksbildung und zur Ausbildung der Handwerker und Künstler den künstlerischen Stellenwert des Berliner Eisens bestimmen (Matthias Hahn). Formale, technische und künstlerische Parallelen sind dabei ein gattungs- und materialübergreifendes, verbindendes Element, das etwa auch die Analogie von Eisen und Terrakotta kennzeichnet (Jan Mende).

Doch wäre eine Tagung über Berliner Eisen unvollständig, wenn nicht auch die Produkte selbst zur Sprache kämen. An die technischen Herstellungsbedingungen, die wirtschaftlichen und kulturellen Vernetzungen und die Bedeutungsebenen schließen daher Beiträge zu den einzelnen Gattungen an, die letztendlich als Materialvorlage zu verstehen sind und in jeweils unterschiedlicher Gewichtung die genannten Aspekte zur Grundlage ihrer Betrachtung machen. Dies gilt für den Überblick zur Entwicklung der eisernen Bildnisbüsten (Claudia Kabitschke) ebenso wie für den Beitrag über die Verwendung des Eisens für die Herstellung von Möbeln und Möbelbeschlägen, aber auch deren Konkurrenzprodukten (Achim Stiegel). Eiserner Schmuck, Inkunabel
der Berliner Produktion, wurde in vielen Gießereien, etwa Böhmens, nicht nur nachgeahmt, sondern trotz des Musterschutzes autorisiert in denselben Formen hergestellt – die Imitation scheint also sogar von Preußen aus gelenkt und beabsichtigt (Elisabeth Schmuttermeier). Diese Hinterlassenschaften des Eisenkunstgusses des 19. Jahrhunderts findet der aufmerksame Besucher vor allem in Museen. Viel präsenter im Stadtbild Berlins und Europas sind jedoch Eisenkonstruktionen, die das Bauen der Epoche nachhaltig verändert haben (Andreas Teltow). In Form von Grabkreuzen und -gittern schmückten sie einst in großer Anzahl die Friedhöfe (Stephan Hadraschek).

In der Zusammenschau zeigt sich, daß auf der Grundlage der umfangreichen Erforschung des Preußischen Eisenkunstgusses in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts weiterreichende Ansätze entwickelt werden konnten. Die Trias von Material, Technik und Materialbedeutung bietet unterschiedlichste analytische Ansätze, die hier vor allem in Hinblick auf eine Einbindung in die Konsumkultur des frühen 19. Jahrhunderts ausgelotet werden. So ist es kein Zufall, daß Claudia Sedlarz vom Akademienvorhaben ›Berliner Klassik‹ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hierzu nicht nur die Anregung, sondern auch den Rahmen bieten konnte. Die Tagung wurde großzügig von der Fritz-Thyssen-Stiftung gefördert.

Die bereits in vielen Bänden etablierte Reihe der ›Berliner Klassik‹ illustriert das breite Spektrum an Fragestellungen, die in Tagungen und Beiträgen zur Epoche um 1800 bereits in kürzester Zeit entwickelt wurden. Umso erfreulicher ist es, daß der Tagungsband zur Berliner Eisengießerei hier erscheinen kann. Unser besonderer Dank gilt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Herrn Conrad Wiedemann und Frau Claudia Sedlarz sowie Anna von Bodungen für die umsichtige Redaktion des Tagungsbandes.

Charlotte Schreiter und Albrecht Pyritz

Inhalt

Inhalt Seite
Vorwort 7
Elisabeth Bartel
Die Königliche Eisengießerei – Ein Kapitel Berliner Kulturgeschichte
13
I. Technik, Wirtschaft und Konsumkultur  
Albrecht Pyritz
Tradition und Innovation – Die technische Geschichte des
Eisenkunstgusses in Berlin
29
Torsten Meyer
Die preußische »Eisenlandschaft« um 1800 – Entstehungsbedingungen,
Produktpalette und Transferleistungen
53
Barbara Friedhofen
»Fer de Berlin« aus Sayn – Der Eisen(kunst)guß der Sayner Hütte
69
Ulrike Laufer
Eisen aus Sterkrade – Ein »echt deutsches Urprodukt« als Basis für
Konsumkultur und Hochindustrialisierung im 19. Jahrhundert
83
II. Materialikonologische Fragestellungen  
Charlotte Schreiter
Lauchhammer und Berlin – Antikenkopien aus Eisen und Bronze
109
Marcus Becker
»Weißes Eisen« – Zur Fassung der Lauchhammer Eisengüsse.
Materialikonologie am Ende des 18. Jahrhunderts
127
Godehard Janzing
»Das zarteste, reinste, keuscheste Metall schließt das kräftigste,
männlichste, stärkste ein« – Karl Friedrich Schinkels Entwurf des
Eisernen Kreuzes
151
Jan Mende
Eisen und Terrakotta – Technische und künstlerische Parallelen
171
Matthias Hahn
»… ächte vollendete Werke der bildenden Künste im Kleinen, worauf
im Großen das Wohl des Staates sich bildet« – Gewerbebeförderung und
ästhetische Edukation in Preußen am Beispiel der kunstgewerblichen
Erzeugnisse der Königlichen Eisen-Gießereien
187
III. Eisenprodukte  
Claudia Kabitschke
Eiserne Bildnisbüsten aus Berlin und Lauchhammer
211
Elisabeth Schmuttermeier
Schmuck aus Eisen
227
Achim Stiegel
Möbel aus Berliner Eisen?
241
Andreas Teltow
Das »eiserne« Berlin – Notizen zum Bauen und Gestalten mit Gußeisen
257
Stephan Hadraschek
Grabgitter und Schmiedekunst auf den Friedhöfen Berlins
277
   
Abgekürzt zitierte Standardliteratur 297
Personenregister 301

Details

Herausgeber: Charlotte Schreiter und Albrecht Pyritz
Verlag: M. Wehrhahn Verlag, Hannover
Auflage: Erstauflage
Jahr: 2007
Seitenanzahl: 308 Seiten
Abbildungen: 177 Abbildungen
Buchart: Gebunden
Sprache: Deutsch
ISBN 10: 3-86525-039-4
ISBN 13: 978-3-86525-039-1
ISSN: 1864–158X
Größe: ca. 225 x 150 mm
Gewicht: ca. 800 Gramm
Zustand: neu, ungelesen

Weitere empfehlenswerte Literatur:

Die Königliche Eisen-Giesserei zu Berlin 1804-1874